If you’re going to San Francisco …

Hunderte Obdachlose sitzen auf der Straße, überall stinkt es nach Urin, heruntergekommene Häuser, Müll auf der Straße, Suppenküchen und Charity-Gebrauchtkleidungsladen – Ich bin in Tenderloin, dem übelsten Viertel in San Francisco. Irgendwie schafft es die Polizei und die privaten Sicherheitsunternehmen, die Verlierer der Gesellschaft in dieses Viertel zu verdrängen. Ein Viertel, dass man Nachts, aber auch tagsüber besser meiden sollte.

Gerade einmal drei oder vier Blocks weiter bin ich im Zentrum von Downtown, dem Union Square. Alles ist sauber herausgeputzt, auf der kleinen Bühne fängt eine Jazz-Band zu spielen an. Die Menschen gehen ihrem geschäftigen Treiben nach, einige bleiben sitzen und lauschen der Musik.

Einmal mehr entdecke ich die USA als Land der Extreme. Auf der einen Seite großer Reichtum, Kreativität und Style, auf der anderen Seite extreme Armut, Dreck, Drogen, Illegale, Siechtum und Psychos. Ein wenig traurig wundere ich mich über diese Umstände, verwundert über die Einstellung der vielen Amerikaner, die statt die Lage verbessern zu wollen lieber wegschauen, Mauern hochziehen und Sicherheitsmaßnahmen verstärken. Aber was soll man als Europäer schon dazu sagen, dessen EU Regierung mit der Festung Europa nichts Anderes macht.

Der Weg nach San Francisco

Doch halt! Wie bin ich eigentlich nach San Francisco gekommen? Der letzte Beitrag wurde aus Eureka geschrieben, einer angenehmen aber wenig spannenden Stadt an der kalifornischen Küste. Von dort ging es weg vom verkehrsreichen Highway 101 auf kleinen Sträßchen entlang der Lost Coast (Die verlorene Küste), die infolge der Verkehrsführung der Highways 1 und 101, weg von der Küste, entvölkert wurde. Das macht die Küste heute zu einem Paradies für Wanderer und Camper, die etwas mehr Einsamkeit suchen. Für den gemeinen Radler sind die kleinen Straßen allerdings sehr mühsam zu befahren, ebene Strecken Fehlanzeige, mehrmals geht es über die 600 Meter Marke. Deshalb führt die normale Radroute um die Berge herum, bevor sie mit meiner Routenwahl wieder zusammen stößt und von nun an dem Highway 1 folgend am Meer entlang bis San Francisco führt. Auf meiner Routenwahl führen die letzten 30 Kilometer auf einer löchrigen und steilen Waldpiste durch den State Forest der sich auf 400-600 Metern Höhe entlang der Küsten-Gebirgskette erstreckt. Hier kann ich ungestört mein Zelt aufschlagen, am nahen Bach meine Wasservorräte auffrischen. Alles top, wären nicht überall tausende Schnaken, die mich in mein Zelt treiben.

Etwas erschöpft und dreckig erreiche ich Fort Bragg, ein kleiner Küstenort, doch der erste Nennenswerte nach der Lost Coast. Es ist Sonntag, der 13. Juli. Gerade rechtzeitig finde ich einen kleinen Pub, um mir das Finale Deutschland gegen Argentinien anzuschauen. Der Ausgang des Spiels ist bekannt. Ich werde nach dem Spiel von einem älteren Pärchen aus Österreich noch etwas dabehalten und mit etlichen Bieren abgefüllt, bevor ich etwas betüddelt ein paar Kilometer weiter fahre.

Private Property – Keep out ! – No Trespassing

Diese Worte, die so viel bedeuten wie: “Verpiss dich von hier, das ist mein Land!” lese ich zur Zeit ständig. Es gibt an der kalifornischen, aber auch schon an den Küsten Washingtons und Oregons davor, kaum ein halbwegs zugängliches Fleckchen Erde, der nicht in Privatbesitz ist. Außer es ist einer der vielen State Parks, in denen man nicht campen darf, bzw. nur für Geld auf den dafür vorgesehenen Plätzen.

Alles hier wird ökonomisch ausgeschlachtet. Für einen Fernreisenden mit kleinem Budget wie mich ist das ein kleiner Albtraum. Die Menschen hier sind auch derart gesättigt von Radlern, dass die Gastfreundschaft eher schwach ausgeprägt ist. Wiederholte Versuche, direkt an die Häuser zu gehen, um die Menschen zu fragen, ob man auf deren (zuweilen riesigen) Privatgrund sein Zelt aufschlagen dürfe, schlugen fehl.

Klar sind 5 oder 6$ pro Nacht für den Hiker/Biker Platz nicht viel. Auf ein halbes Jahr gesehen aber eine für mich nicht aufzubringende Stange Geld.

Aber es geht nicht mal unbedingt ums Geld, als vielmehr um diese traurige Einstellung. Dieses Misstrauen; Fremde so weit wie möglich  von sich fern zu halten. Dieses Verhalten steht im Widerspruch zum ansonsten offenen und freundlichen Amerikaner, und verwundert mich, zuweilen abends auf Platzsuche verärgert es mich auch.

Dass es noch andere Werte als Geld gibt, die für eine Gemeinschaft von Wert sein können, habe ich nach meinen Erlebnissen in Portland und kurz danach nur noch selten angetroffen. Vielleicht suchen auch deshalb derart viele Menschen Zuflucht in einer der vielen  Kirchen. Mit Religion habe ich aber (leider) nichts am Hut… Vielleicht sollte ich es dennoch einmal dort versuchen, Nächstenliebe bzw. Gastfreundschaft zu empfangen 🙂

Trotz allem habe ich auch an diesem Tag wieder einen Platz gefunden. “Public trail” nennt sich das, ein kleiner öffentlicher Weg, der von der Straße mitten im nirgendwo an die steil abfallende Pazifikküste führt. Eingerahmt von Private Property-Zäunen, kaum ein halber Meter breit. Wirklich gepflegt wirkt der Weg nicht. Begangen schon gar nicht… Das ist zwar gut für mich, da ich so recht ungestört die “day use only” Schilder ignorieren kann, zeigt aber auch die zuvor angesprochene Einstellung. Vielleicht hat ja jemand mal eine Statistik für mich, wie viel Prozent der Küste Kaliforniens in privater Hand ist. Das würde mich interessieren.

Das goldene Tor

Nichtsdestotrotz ist dieser Küstenabschnitt wunderschön. Immer wieder geht es in eines der tief eingeschnittenen Täler hinab, in denen sich kleine und größere Flüsse ihren Weg ins Meer bahnen, woraufhin es wieder alles bergauf geht. Oder ich muss steil ins Meer abfallende Bergflanken überwinden, die mir atemberaubende Blicke hinab ins tiefe blau ermöglichen. Der Wind hat etwas gedreht und weht leider nicht mehr in meinen Rücken, aber dennoch komme ich gut voran. So erreiche ich den Großraum San Franciscos mit den gut-bürgerlichen Vororten nördlich der Golden Gate Bridge. Nach dem Durchfahren des Brandenburger Tors vor etwa zwei Monaten ein weiterer Höhepunkt meiner Reise und eine Triumphfahrt zum ersten großen Etappenziel. Auf der Brücke ist es windig, um nicht zu sagen stürmisch. Bei der Umfahrung der Stützpfeiler muss ich wegen des Windes sogar vom Rad steigen.

San Francisco

Nun bin ich hier, habe wieder einen Platz auf einer Couch ergattern können, genieße die Zeit, das schöne Wetter und die tollen Ausblicke von den vielen Hügeln. Die vielen tollen Graffiti und andere Arten von Straßenkunst lassen San Francisco wie ein offenes Museum aussehen. Nach ein paar Tagen ist der erste negative Eindruck verschwunden, und die positiven Erlebnisse und Eindrücke der Stadt prägen sich mir mehr und mehr ein. Mit dem Fahrrad oder sogar zu Fuß kommt man sehr einfach und sicher überall hin sofern man keine Angst vor den vielen steilen Straßen hat. Die schönen Parks und die lebhaften, sehr unterschiedlichen Viertel wie Mission, Castro oder Haight mit deren vielen kleinen Geschäften und Kneipen machen das bekannte Flair dieser Stadt aus. Und zur kleinen Überraschung sind die Bierpreise im Gegensatz zu den horrenden Mieten in der Stadt durchaus bezahlbar.

In eigener Sache

Aufmerksame Beobachter meines Blogs oder einiger anderer Medien haben sicher schon mitbekommen, dass ich recht fleißig Bilder auf Instagram lade. Das hat sich als gute Methode herausgestellt, auch von unterwegs einzelne besonders schöne/interessante/lustige Bilder hochzuladen und meine Leser bei Laune zu halten, wenn ich gerade keine Lust habe längere Artikel zu schreiben. Ihr seht die Bilder oben rechts eingeblendet, oder wenn ihr mir auf Instagram folgt (Benutzername: rouvenvo).

Zusätzlich experimentiere ich mit Flickr als externen Bilderhost (Benutzername: rouvenvo).

Hier der erste Test:

Leider musste ich die Kommentarfunktion abschalten, da ich trotz Spamschutz zugespamt wurde! Auf Facebook, Instagram, Twitter oder Flickr kann man kommentieren. Ich freue mich auch über Emails 🙂

Oregon

Portland:

Alles fing mit einem einfachen ‘Howdy’ an. Ich fuhr zufällig an einer Nachbarschafts-Straßen-Aktion vorbei, einem Intersection Painting, dem Bemalen einer Kreuzung im Wohngebiet in Portland. Klasse Aktion, das sah richtig gut aus. Bevor ich mich wehren konnte, hatte ich Pinsel und Farbe in der Hand und malte fleißig mit.
Eigentlich war ich auf dem Weg zum Saturday Market in den Waterfront Park, doch Pläne können sich für mich schnell ändern. So lernte ich ein wenig die Hippie-Seite einer Stadt kennen, die für ihre besondere Art berühmt ist. Hier wohnen besonders viele Menschen, die das Miteinander pflegen, statt die Zäune um die Häuser immer höher zu ziehen. Einige Menschen, die mir, ausgehend von der Straßenaktion einen wunderschönen Samstag beschert haben (Cider, Beerfest, Keller-Punkrock-party, Latin Party), werde ich so schnell nicht vergessen.

Bis dahin war ich Couchsurfen. Das war auch ganz nett, aber viel mehr auch nicht. Ich wollte eigentlich am Sonntag weiterfahren, bin dann auch ausgezogen, um kurzentschlossen noch zwei Tage anzuhängen. Eingezogen bin ich bei Yeliz, einer jungen Türkin, die in Portland ein Praktikum macht, und die ich beim Intersection Painting kennengelernt hatte, und Hariett, bei der Yeliz wohnt. Mein Platz war das Gartenhaus. Diese Tage waren super schön: wunderbare Menschen und viele interessante Konversationen, gutes Essen, deutscher Pub fürs Deutschland-Spiel (natürlich gewonnen!)… Das war mein Portland.

Es geht weiter:

Jetzt bin ich wieder unterwegs, das Wetter hat umgeschlagen von regnerisch in sonnig und heiß (98 Grad, kein Scherz!!haha). Die Schraube meines Gepäckträgers ist gebrochen, wurde mit Hilfe von netten Menschen wieder gerichtet. Jetzt habe ich mein Zelt im Garten eines Hauses in den Bergen Richtung Meer aufgeschlagen und wurde mit Essen voll gestopft (“Wir grillen Burger, es gibt sowieso zu viel”).

Oregons und ein bisschen Kaliforniens Küste:

Über die Berge kam ich dann an den Pazifik, der mich noch eine Weile begleiten wird. Die Küste in Oregon ist wahnsinnig schön: steile Felsenküste folgt auf tollen Sandstrand, riesigen Dünen folgt Felsenküste. Kleine verschlafene Ortschaften säumen die Küste, hin und wieder eine kleine Stadt. Die Strecke ist sehr hügelig, es geht beständig auf und ab, jedoch hilft der ständige Rückenwind ein wenig. Es gibt hier wieder sehr viel privates Land, doch wenigstens die Strände sind öffentlicher Raum. Dort ist es zwar normalerweise nicht gestattet zu campen, aber das beziehe ich einfach auf Auto-Touristen. Davon gibt es leider sehr viele, was vielleicht auch mit dem langen Wochenende um den Independence Day zusammenhängt. Es gibt auf jeden Fall viel Verkehr auf dem Highway 101, der den Großteil der Strecke ausmacht. Ich entweiche dem Verkehr mit guter Musik oder mittlerweile auch Hörbüchern im Ohr! Die vielen Campingplätze in den State Parks haben Hiker/Biker-Plätze, die mit 5  oder 6 $ angenehm günstig sind. Zwei mal habe ich mir den Luxus gegönnt, und dabei viele andere Radler kennengelernt. Man trifft sich auf der Straße dann ständig wieder. So bin ich auch immer mal wieder mit anderen Leuten unterwegs (Dawn&Mike(hmmm, dankefürdieschoki), Garrett(Holländer, sorry), Kyle&Namevergessen uvm.).
Dann war es so weit, ich bin über die Landesgrenze nach Kalifornien eingefahren. Der Sunshine State begrüßte mich erstmal mit eiskaltem Nebel. Mittags reißt es es zumeist dann aber auf, und die Sonne strahlt vom blauen Himmel. Die großen Bäume des Redwood Nationalpark säumen meinen Weg.

Jetzt bin ich in Eureka, morgen geht es zur Lost Coast (superbergig, aber superschön). In einer Woche will ich in San Francisco  sein. Dann gibt es bestimmt wieder ganz viel zu erzählen. Bis dahin, pfiati!

Washington

Nachdem wir in Kanada noch eine Skitour auf den Cypress Peak und eine Hiking Tour zu den Meager Creek Hot Springs gemacht haben, hatte ich Hummeln unterm Hintern und musste wieder los. Also schwang ich mich aufs Rad und fuhr los, immer Richtung Süden!

Washington ist der nordwestlichste Bundesstadt der USA und damit mein erster Zugang in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten auf meiner Reise von Vancouver, Kanada ins Ungewisse. Doch erstmal musste ich den Officer überzeugen, mich in das Land der Freiheit (freedom country) einreisen zu lassen. Ein wenig zu ernst wurden mir dämliche Fragen gestellt, nicht mal ein winziges Lächeln oder ein kurzer Spaß huschten dem Beamten über die Lippen. Trauriger Job … Mir war es egal, ich durfte einreisen. Und das obwohl ich ein paar mal versucht hatte, das Gespräch etwas aufzulockern. Yuhu !

Die erste nennenswerte Stadt auf meinem Weg war Bellingham, soll eigentlich eine ganz nette Studentenstadt sein. Um davon was mitzubekommen müsste man aber wohl 1 oder 2 Tage bleiben. Ich bin eher fix durch gefahren, um einen Schlafplatz für die Nacht zu finden. 10 Kilometer weiter auf der Küstenstraße der Stadt ist ein Campingplatz, der allerdings mit 12$ für mein kleines Zelt ziemlich teuer war. Später habe ich mir sagen lassen, dass das noch ein recht günstiger Preis sein soll. Ich bin also noch 2 Kilometer weiter und mit viel Anstrengung, Fahrrad- und Taschentragen zu meinem wunderschönen Felsen 3 Meter über den Wellen gekommen. Mein Zelt hat genau auf die kleine Fläche gepasst !

Der nächste Tag war viel Fahrrad fahren. Dabei ist mir die hohe Kirchen-, sowie die Dicke-Menschen-Dichte aufgefallen. Letzteres hält sich hier noch halbwegs im Rahmen, sind wir doch noch im liberalen Hippie-Nordwesten der Staaten.

Die Preise für Lebensmittel sind saftig, aber dennoch schaffe ich es mit viel Anstrengung und großer Zurückhaltung, die 10 Euro pro Tag nicht zu überschreiten. Das Problem sind vor allem die Preise für kleine Mengen; günstig einkaufen geht nur im Jumbo-Mega-Pack. Für Solo-Radfahrer natürlich äußerst ungünstig. Aber man entwickelt eben so seine Strategie… Bei McDonalds z.B. darf man sein Getränk nachfüllen, was ich sicherlich desöfteren mal nutzen werde, um meinen Kalorienverbrauch zu decken.

Eine Neuerung gibt es auch deshalb auf meiner Homepage, aber auch weil ich darauf angesprochen wurde, es wurde mir regelrecht empfohlen: Der Spenden-Button auf der rechten Seite 🙂

In Seattle war ich Couchsurfen. Wow! Ich habe in einem Luxusappartment gehaust mit Dachterasse und Skylounge mit Billardtisch. Direkt in Downtown. Dazu eine nette Couchsurferin. Top!

Durch Zufall bin ich dort dann auf die Fremont Parade gestoßen (Fremont ist das Uni- und Hippie- Viertel von Seattle), ein riesiger Umzug mit tollen Gruppen, viel Musik und nackter Haut beim Naked Bike Ride. Da können sich die Festivals in Deutschland mal eine Scheibe abschneiden. Am nächsten Tag bin ich ebenfalls durch Zufall auf ein kleines Musikfestival am Hafen gestoßen. Schon toll, was so in der Stadt los war.

Dann hab ich mich wieder auf den Sattel geschwungen, bin aus Seattle Richtung Portland gefahren, war zwischendrin nochmals Couchsurfen (in Aberdeen), konnte so meine Musikkollektion aufbessern (Jack White). Am Tag drauf habe ich meine Bekanntschaft mit einem Pfosten gemacht, der mitten auf einem der wenigen Fahrradwege stand. Mir ist nichts passiert, das Rad ist aber leicht lädiert: Der obere Teil der Gabel hat sich verbogen, es fährt aber noch. Viel Glück gehabt, nächstes mal sollte ich besser auf den Weg achten während dem Erdnüsse knacken.

Bin jetzt in Portland angekommen, wieder Couchsurfen. Davon aber später mehr, denn Portland liegt bekanntlich in Oregon, und die Überschrift heisst… genau… Washington. Vielen Danke für die Aufmerksamkeit und die vielen aufmunternden Kommentare, die bald hierunter erscheinen werden 🙂

Vancouver und Black Tusk